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Mitarbeiter-Bindung im Tourismus durch Nachhaltigkeit


Durch gezieltes Employer Branding und Nachhaltigkeitskonzepte bessere Mitarbeiterfindung & -bindung im österreichischen Tourismus. Das ist die kurzgefasste Hypothese meiner kürzlich fertiggestellten Master Thesis. In einer Online-Umfrage unter Hotel-Betreiber*innen wurde sie bestätigt.

Oktober 2020

»Business Case Nachhaltigkeit im österreichischen Tourismus am Beispiel Beschäftigte - das Potential nachhaltiger Hotelkonzepte und gezielten Employer Brandings für Mitarbeiter-Recruiting und -Bindung.« So lautet der zugegebenermaßen etwas sperrige Titel meiner Arbeit zur Graduierung zum Master of Sustainablity & Responsible Management. Man muss halt alles Relevante reinpacken in so eine Überschrift.

Anlass für die Themenwahl war einerseits der andauernde Mitarbeiter-Mangel in Gastronomie und Tourismus und andererseits das Gegenbeispiel florierender Betriebe mit konstantem Mitarbeiterstamm. Namentlich das wunderbare Hotel Stadthalle, mit dessen Eigentümerin Michaela Reitterer ich eine erhellende Konversation hatte, das grandiose Hotel Hochschober und die norddeutschte Hotelkette Upstalsboom. Diese drei fanden Eingang in mein Elaborat. Ich wollte hinter die Gründe schauen und überprüfen, ob es die Häuser mit Nachhaltigkeits-Konzepten sind, deren Führungskräfte sich um ihre Leute besser kümmern und diese deshalb treuer sind.

Dafür führte ich im September eine strukturierte Onlineumfrage unter österreichischen Hotelbetreiber*innen durch. In dieser Zeit war der Tourismus durch den covidbedingten Einbruch der internationalen Reisetätigkeit und Wegfall aller Kongresse bereits massiv beeinträchtigt. Das prognostizierte Minus in Österreichs Städten betrug zum Zeitpunkt der Abgabe für das aktuelle Jahr 70%, das am Land 40%. Schätzungen zufolge wird der Tourismus möglicherweise nie wieder an 2019 anschließen. Das ist der Kontext, in dem diese Untersuchung stattfand.

Nur kurz davor wurde von mehreren Instituten eine größere Umfrage zum Thema »Tourismus und Nachhaltigkeit« unter deutschen und österreichischen Touristiker*innen durchgeführt. Unter den Befragten herrschte die Meinung, dass Nachhaltigkeit zukünftig an Stellenwert zunehme, man aber zum aktuellen Zeitpunkt andere Probleme habe. Dies erklärt möglicherweise die kleine Response von 127 Antworten auf den Fragenkatalog, der an 4.628 Empfänger*innen geschickt wurde, von der Österreichischen Hotelvereinigung ÖHV in einem Newsletter an 3.700 Adressaten und von der Österreichischen Gastronomie- und Hotelzeitung ÖGZ ebenfalls in einem Newsletter an 3.000.

Der Fragebogen war in fünf Bereiche gegliedert:

  • 1. ART DES BETRIEBES. Der weitaus überwiegende Teil ist familiengeführt, liegt am Land, beschäftigt zwischen 10 und 100 Mitarbeiter*innen und hat 21 bis 100 Gästezimmer. Die Fokus der meisten Betriebe liegt auf Urlaub & Sport sowie Wellness. Es wird angenommen, dass hauptsächlich Betriebsinhaber*innen mit Vorliebe für Nachhaltigkeit die Umfrage beantwortet haben. So ließe sich auch die Antwort auf die Frage nach einem Unternehmensleitbild erklären, nach der 54 (68,35%) Betriebe eines definiert haben. Dieser Wert scheint doch recht hoch zu sein. Ähnlich verhält es sich mit der Frage, ob Unternehmenswerte formuliert wurden. Sie wurde von etwas mehr als der Hälfte der Teilnehmer*innen 48 (59.3%) bejaht, so gut wie alle kommunzieren ihre Werte intensiv nach innen (97%) und tun dies vor allem in den Mitarbeitergesprächen.
    Die am häufigsten genannten Werte sind:
    Regionalität (30 x), Wertschätzung (23 x), Natur (22 x), Nachhaltigkeit (19 x), Erholung und Familienfreundlichkeit (je 16 x)
  • 2. NACHHALTIGKEITSZERTIFIZIERUNGEN & -MASSNAHMEN
    Von 105 Teilnehmer*innen gaben 24 (22.9%) an, mit einem nationalen oder internationalen Siegel zertifiziert zu sein. 13 von ihnen mit dem Österreichischen Umweltzeichen, 5 mit dem European Ecolabel, 3 mit der Blauen Schwalbe, der Rest verteilt sich auf diverse.
    Die Mehrheit der Betriebe 81 (77.1%) verfügt über keine Zertifizierung, viele von ihnen bemühen sich aber in vielen Bereichen (Energie, Wasser, Abfall, Mobilität, Lebensmittel) um Besserung bzw. verfügen auch ohne Zertifizierung fallweise über hohe Standards. Eine Zertifizierung schafft allerdings immer Vertrauen und Vergleichbarkeit – und bedeutet gleichzeitig natürlich mehr Bemühen, Audits und Lizenzgebühren. Es wird davon ausgegangen, dass mit Blick auf die wahrscheinlich steigende Nachfrage der Reisenden zukünftig mehr Betriebe eine Zertifizierung anstreben werden. Und das ist gut so!
  • 3. MITARBEITERPROGRAMME (EMPLOYER BRANDING)
    Unternehmerische Nachhaltigkeit fußt auf den drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft. Unternehmen müssen also einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten. Dazu gehört ein gutes Arbeits- und Entwicklungsumfeld für die Mitarbeiter*innen. Dass diese ein wertvoller Teil des Betriebs sind, dürfte beim Gros der Befragten angekommen sein. Mitsprache bei der Erstellung von Dienstplänen und Selbstorganisation von Teams sind die am häufigsten genannten Kriterien, immerhin 58 (67,4%) der Befragten binden Mitarbeiter*innen in betriebliche Entscheidungen mit ein, fast ebenso viele bieten Weiterbildungsmöglichkeiten für alle an, 34 (39,5%) ermöglichen auch Coachings bei Problemstellungen. Hingegen stellen nur 53 (61,6%) Einzelzimmer mit Bad zur Verfügung und auch nur 55 (64%) geben an, die Personalverpflegung nach ernährungswissenschaftlichen Standards zu kochen. Hier besteht Verbesserungsbedarf!
  • 4. AUSWIRKUNGEN AUF MITARBEITER-RECRUITING UND MITARBEITER-BINDUNG
    Das arithmetische Mittel der Frage nach der Wichtigkeit von Nachhaltigkeitsmaßnahmen für die Mitarbeiter*innen lag bei 86 Antworten mit 46,40 relativ in der Mitte auf einer Skala von 0 bis 100. Bei Häusern mit Nachhaltigkeitssiegel lag es bei 60,50, bei Häusern ohne Siegel bei 42,39. Hier lässt sich sehr gut erkennen, dass Mitarbeiter*innen Nachhaltigkeit ein Anliegen ist und bei der Wahl des Arbeitsgebers entscheidend sein kann.
    Ob die Hoteliers abschätzen können, inwieweit sich durch ihre Mitarbeiter-Programme Bereiche zum Positiven verändert haben, war auf einer Skala von 1 bis 5 (bester Wert) anzugeben. Die erzielten Werte (max. 3,10 für Wir-Gefühl) weisen alle eine Tendenz zur Verbesserung auf, in der Gruppe mit Nachhaltigkeitszertifizierung ist sie wieder stärker ausgeprägt.
  • 5. AUSWIRKUNGEN AUF DAS GÄSTEVERHALTEN
    Das arithmetische Mittel der Frage, ob abzuschätzen ist, inwiefern Nachhaltigkeitsmaßnahmen für die Gäste  wichtig sind, liegt mit 55,81 ungefähr in der Mitte auf einer Skala von 1 bis 100. 7 der Betriebe haben hier die höchste Note mit 100 angegeben, 10 Betriebe noch 85. Insofern dürfte das manchen Gästen sehr wichtig und generell ein Verkaufsargument sein. In der Gruppe der Hoteliers mit Siegel liegt der Wert bei 69,74 noch deutlich höher. Nachhaltigkeit trägt diesbezüglich dank besserer Auslastung ganz offensichtlich zum wirtschaftlichen Erfolg eines Betriebes bei.
    Auf die Frage, inwieweit die Hoteliers abschätzen können, ob sich das Gästeverhalten in den letzten drei Jahren aufgrund vermehrter Nachhaltigkeitsmaßnahmen und durch ein nachhaltigkeitsaffineres Zielpublikum verändert hat, zeigt sich ebenfalls eine mittlere Zustimmung. Auf einer Skala von 1 bis 5 liegen die Werte zwischen 2,80 und 2,58 bei diesen Kriterien: Inländische Gäste bleiben dem Haus treu, Gäste kommen wieder, Gäste werden zu Stammgästen, Ausländische Gäste bleiben trotz Corona treu, Besserer Kontakt der Eigentümer/Führungsebene zu den Gästen. Ähnliche Werte (2,80 bis 2,55) erbringt die Frage, ob sich Mitarbeiterbindungsprogramme positiv auf das Gästeverhalten auswirken.

Zusammenfassung und Ausblick
Es kann gesagt werden, dass in allen Bereichen positive Tendenzen durch Nachhaltigkeitsmaßnahmen erkennbar sind. Sei es in der Mitarbeiterfindung oder -bindung oder im Gästeverhalten. Der Business Case von Nachhaltigkeit liegt auf der Hand, die Zukunft des österreichischen Tourismus in der Nachhaltigkeit. Verstärkt wird dieser Trend durch die Auswirkungen der aktuellen Pandemie und der dadurch verbundenen Sehnsucht der Menschen nach einfachen Reisen und unberührter Natur. Verstärkt auch durch die nachkommenden Generationen, die ein anderes Werteverständnis mitbringen. Und schlussendlich durch den in Zahlen messbaren wirtschaftlichen Vorteil, der durch Nachhaltigkeit im Tourismus erzielt wird: Energieersparnis, reduzierte Rekrutierungskosten und bessere Gästebindung durch klare Positionierung.

Insofern ist meine Arbeit auch als Appell an die österreichischen Hotelbetreiber*innen zu verstehen, ihren Business Case Nachhaltigkeit zu entdecken und zu nützen. Wünschenswert wäre eine eingehendere repräsentative Untersuchung der in der Thesis dargelegten Tendenzen, um diese Ergebnisse in der Folge auf breiter Ebene mit den österreichischen Touristiker*innen, Medien, Standesvertretern und der Politik zu diskutieren. Tourismus im Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit sichert das Überleben der Branche und kann Österreich mit seiner unberührten Natur und der »Möglichkeit zum gesunden Atemholen« weltweit als hochwertiges Tourismusland neu positionieren.

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