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Zahlen, Daten, Fakten zur Milchwirtschaft


Das Bild trügt. Unsere Milch und Milchprodukte stammen längst nicht mehr von glücklichen Kühen auf saftigen Almwiesen. Selbst solche aus biologischer Bewirtschaftung in den Supermärkten stammen aus hochindustrialisierter Produktion – mit etwas besseren Rahmenbedingungen für die Tiere. Glückliche Kühe, Kälber und Stiere sind selten geworden. Auf unseren Almen trifft man noch auf sie und auf Demeter-zertifizierten Bauernhöfen. Auch auf der grünen Insel Irland dürfte die Welt für Kühe noch halbwegs in Ordnung sein. Wenn sie nicht so rülpsten …

August 2023

Nachtrag: Zahlen zum Fleischkonsum in Europa vom 9. Oktober 2023, DerStandard.



Auf Wanderschaft in den wunderschönen Schladminger Alpen, woher auch das Bild hier stammt, ging es immer wieder einmal an Kuhherden vorbei. Mittendrin auch Kälber und da und dort ein Stier. Gleichzeitig war in den Zeitungen zu lesen, dass in Irland 200.000 Rinder aus Klimagründen gekeult werden sollen. Ein Grund, sich mit der Milchwirtschaft zwischen Idylle und Horror auseinanderzusetzen.

Mehr als 7 Millionen Rinder leben laut Süddeutscher Zeitung in der Republik Irland - bei rund 5 Millionen Einwohnern. Eine absurde Anzahl. In Österreich leben im Vergleich dazu 1,9 Millionen Rinder bei 9,1 Millionen Einwohnern. Auch nicht wenige. Lt. Statista haben wir einen heimischen Milch-Selbstversorgungsgrad von 177 Prozent und müssen exportieren. Der irische Selbstversorgungsgrad war nicht recherchierbar, muss aber exorbitant sein. Auf jeden Fall entfallen 40 Prozent der irischen Gesamtexporte auf Milchprodukte. Bei Butter und Rindfleisch ist die Insel führender EU-Exporteur in Drittländer, bei Rindfleisch hat es einen Selbstversorgungsgrad von 543 Prozent, Österreich von 147.

Zahlen zur irischen Milchproduktion. Den 1,45 Millionen irischen Milchkühen geht es vergleichsweise gut. Sie verbringen rund 310 Tage auf der Weide, sind deshalb verhältnismäßig weniger krank und werden mit entsprechend weniger Medikamenten großgezogen. Auch die Bauern ziehen daraus einen gewaltigen Nutzen, Weidehaltung ist viel billiger als intensive Haltung in Ställen. Durch die Ernährung mit dem noch dazu kostenlosen Gras ist die Milch zudem vitaminreicher und enthält mehr ungesättigte Fettsäuren. Irische Kühe müssen auch weniger leisten. Im Vergleich zu den bedauernswerten Turbokühen mit Rieseneutern, die über 10.000 Liter Milch pro Jahr und 27,4 pro Tag produzieren müssen, tun es bei den irischen Milchkühen 5.000 und 13,7 Liter. Allerdings lag noch in den 1970er-Jahren die durchschnittliche Milchleistung einer europäischen Kuh bei 3.000 und 8,2 Litern. Aber immerhin, Daumen hoch für die irische Rinderhaltung. Daumen runter für die Menge an Kühen.

Denn die Kühe rülpsen und emittieren dabei und mit ihrer Gülle und ihrem Mist klimaschädliche Gase, verseuchen das Grundwasser, die Flüsse und Seen mit Nitrat, Stickstoff und Phosphaten. 400 bis 700 Liter Methan kann eine einzelne Kuh je nach Fütterung und Rasse pro Tag produzieren. Dieses Treibhausgas ist zwanzigmal schlechter für das Klima als CO2. Die Landwirtschaft zählt zu den Hauptverursachern des treibhausgasgetriebenen Klimawandels, die Viehwirtschaft ist je nach Land mit 14 bis zu 20 Prozent einer der größten Emittenten. In Irland lag der Anteil der landwirtschaftlichen Emissionen im Jahr 2021 bei 37,5 Prozent, den Hauptanteil davon produzierten Rinder und Schafe während der Verdauung. Deshalb sollen die Emissionen der Landwirtschaft lt. einem Optionenpapier des irischen Landwirtschaftsministeriums bis 2030 um ein Viertel gesenkt werden. Erreichen möchte man das, indem unter anderem bis 2026 jährlich 65.000 und in Summe 200.000 Rinder gekeult werden sollen. Warum man nicht einfach weniger Tier besamt, dürfte aus dem Paper nicht hervorgehen. Bei 7 Millionen Tieren sind 200.000 sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wie sieht es aus in der heimischen Milchproduktion? Die österreichische Milchwirtschaft hat lt. dem zuständigen Ministerium einen Anteil von rund 18 Prozent an der landwirtschaftlichen Produktion. 89 Prozent der Gesamtproduktion werden an Molkereien geliefert. Davon ist das Gesamt gentechnikfrei hergestellt, 19 Prozent sind Biomilch und 15 Prozent Heumilch.

In der Regel wird in der Rinderhaltung eine Milchkuh jährlich besamt. Das Kalb wird schon wenige Tage, manchmal auch schon nach wenigen Stunden nach seiner Geburt von der Mutter entfernt und kommt in Einzelboxen oder zu anderen Kälbern. Mutter und Kalb rufen oft tagelang nacheinander und leiden. Ernährt wird das Kalb durch sogenannte »Milchaustauscher«, einen Milchersatz, der das Wachstum und die spätere Milchleistung ankurbeln soll. Kälber in der Fleischproduktion werden übrigens anämisch ernährt, damit das Fleisch möglichst hell bleibt. Dies gilt nach wie vor als »Gütezeichen« in unseren Supermärkten. Selbstverständlich werden die Tiere auch enthornt, ein schmerzhafter Vorgang, bei dem die Hornanlagen mittels Brennstäben verödet werden. In der konventionellen Landwirtschaft darf dies ohne Sedierung passieren.

Künftige Milchkühe werden im Alter von eineinhalb Jahren erstmals besamt. Nach neuen Monaten Trächtigkeit und Kalbung werden die Kühe das erste Mal gemolken, das Prozedere wird jährlich - oft unterstützt durch Hormongaben - wiederholt. 2,5 Monate nach dem Kalben wird neu besamt. Das durchschnittliche Alter einer österreichischen Milchkuh beträgt 6,3 Jahre, dreimal wird sie für die Milchproduktion trächtig gemacht.

Das österreichische Gesetz unterscheidet zwischen

1. Konventioneller Milchkuhhaltung
Die Kühe dürfen ganzjährig in geschlossenen Ställen gehalten werden, müssen aber 90 Tage im Jahr Bewegungsfreiheit haben. Die Anbindehaltung, bei der Kühe an festen Plätzen angebunden sind, darf tagsüber bis zu acht Stunden dauern (Stand 2021). Die Fütterung erfolgt häufig mit einer Mischung aus Grundfutter (Heu, Silage) und Kraftfutter. Der Einsatz von Wachstumsförderern und anderen Zusatzstoffen in der Fütterung ist erlaubt. Vorbeugende Medikamente sind vorgesehen und Usus. Auch Vollspaltenboden ist erlaubt.

2. Biologische Milchkuhhaltung
Bio Austria ist strenger als das EU-Biosiegel. Die Kühe haben mehr Platz und Bewegungsfreiheit als in der konventionellen Landwirtschaft. Sie müssen 120 Tage im Jahr Zugang zu Weideflächen haben, der Auslauf im Freien ist ein wichtiger Aspekt. Anbindehaltung ist in der biologischen Landwirtschaft nicht gestattet. Der Stall muss den Bedürfnissen der Tiere gerecht werden, beispielsweise durch Liegeboxen oder Tiefstreu. Die Fütterung erfolgt überwiegend mit biologisch erzeugtem Futter, einschließlich Weidegras, Heu und Silage. Kraftfutter darf bis zu 15 Prozent ausmachen. Die Tiere müssen im Krankheitsfall einzeln behandelt werden, es sind keine vorbeugenden Medikamente erlaubt. Die Tiere dürfen enthornt werden, müssen aber sediert werden. Kälber müssen drei Monate lang mit Muttermilch oder Biomilch ernährt werden, dürfen aber gleich nach der Geburt von der Mutter getrennt werden.

Darüber hinaus gibt es noch

3. Biodynamische Milchkuhhaltung (Demeter)
Biodynamische Landwirtschaft ist nicht im Gesetz verankert. Demeter ist ein Verein, dessen Richtlinien von unabhängigen Stellen kontrolliert werden. Diese Richtlinien gehen weit über die biologischen hinaus. So dürfen Rindern nicht enthornt werden. Die Kälber bleiben, bis sie nicht mehr auf Milch angewiesen sind, bei ihren Müttern. Gefüttert wird ausschließlich biologisch und ohne Kraftfutter. Es wird Wert auf standortgerechte Rinderrassen gelegt und auf den Erhalt alter Rassen.

Essen und trinken ist immer eine politische Entscheidung, gute Ernährung ist kompliziert geworden. Aufklärung tut not, deshalb hier mein kleiner und nur grob umrissener Beitrag. Vielleicht bewirkt er einen Moment der Besinnung, wenn wir nach einem Milchpackerl oder Joghurt im Regal greifen – und uns doch für das biologische Produkt entscheiden oder überhaupt den Konsum einschränken.

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